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Meine Frau ist der Somm

Meraner Weinhaus Somm Sommelier

Erst neulich sahen wir einen Bericht im US-Fernsehen über die Ausbildung zum Somm. Dabei geht es um Weinfachkenner und deren Lehre zum Sommelier ist verflucht schwierig.

Meine Frau der Somm

Somm ist die Kurzform für Sommelier, eineN WeinkennerIn. Die Prüfung ist extrem schwierig und geografische Kenntnisse gehören genauso dazu, wie alles über Wein zu wissen, die Geschichte des Winzers, verschiedene Jahrgänge, Reben, Weißwein, Rotwein, Champagner, Sekt…

Neulich passierte uns diese Geschichte im Meraner Weinhaus. Das Weinhaus ist eine Instanz in Meran, Südtirol. Wir machen immer folgendes: zu Beginn eines Urlaubes in Italien erstehen wir ein paar besonders interessante Pullen Wein und probieren uns durch.

Null Promille

Tatsächlich wohnen wir immer zentral, denn die Italiener nehmen Akohol im Straßenverkehr sehr ernst (Fahranfänger und Berufskraftfahrer haben ein Limit von 0,0 Promille). Hier nimmt einem im schlimmsten Falle die Gendarmerie den Führerschein ab und versteigern Dein Auto zu Gunsten des Staates. Somit fahre ich in Italien (und anderen Ländern) nie mit Alkoholeinfluss oder Restalkoholeinfluss. Ausgerechnet die Italiener verhängen diese harten Strafen, man stelle es sich vor. Kein Mensch kann glauben, dass die Italiener, die so viel schönen Wein produzieren, Ihre eigene Regel beachten, oder?

Nach der Probe der Pullen kaufen wir dann am Ende des Urlaubes ein paar Flaschen mehr von denen, die uns hervorragend schmecken. Diese werden dann nach Deutschland importiert und gegebenenfalls über das Internet nachgekauft.

Meraner Weinhaus

Bei diesem Mal gehen wir zu Beginn des Urlaubes genau in das Meraner Weinhaus und parken vor dem Laden, denn gewohnheitsmäßig möchte man die schweren Einkäufe nicht zu weit schleppen. Ich frage mich noch, ob der für den Steuerberater reservierte Parkplatz wohl zu Versteigerungen unseres Autos führen könnte und verwerfe diese Idee schnell wieder zu Gunsten des kurzen Weges.

Drinnen stehen ein deutsches Ehepaar im Gespräch mit einem der wirklich kenntnisreichen Verkäufer und treiben diesen gefühlt in die Verzweiflung. Ich kann erkennen, dass die beiden keinen Plan von Wein, aber diesen wirklich teuren SUV vor der Türe parken. Da kosten die Felgen das Stück tausend EURO aber die wirklichen Genüsse der Welt verstehen sie nicht.

Das Gespräch der beiden mit dem Verkäufer verläuft ungefähr so: „Wir möchten diesen oder jenen Wein.“ Der Verkäufer: „Dieser hat eine besondere Note und ist einer der besten Weine des Winzers.“. Die Frau: „Ja, das ist toll. Aber dumm, dass wir den Wein nicht probieren können, denn wir fahren morgen nach Deutschland zurück.“. Der Verkäufer schweigt und denkt sich sein Teil. Er berät weiter und die Dame erklärt darauf hin: „Vielleicht sollen wir diesen Wein nehmen.“ (Anm.: die Flasche ist eine, die im Regal neben dem besprochenen Wein steht und nichts mit den Ausführungen des Verkäufers zu tun hat). Er: „Das ist auch ein guter Wein, spielt aber in einer anderen Liga. Der vorgestellte Wein ist ein Besonderer und die Referenz. Er ist mehrfach ausgezeichnet und ist wirklich klasse.“

Aus dem Gespräch hören wir schnell heraus, dass die Dame und der Herr keinen Plan von Wein haben, nicht mal die grundlegenden Trauben kennen und völlig überfordert sind, die gut gemeinten Hinweise des Verkäufers dankend anzunehmen. Schon Marius Müller-Westernhagen sagte in Theo gegen den Rest der Welt: „Zahlen und fröhlich sein!“. Vermutlich spielt bei dem Ehepaar mehr der Preis eine Rolle als man sich eingestehen möchte. Schließlich müssen irgendwie die Leasingkosten für den SUV wieder reinkommen. Besser man spart ein paar EUR pro Flasche. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie die beiden versuchen sich die Etiketten zu merken und am liebsten mit dem iPhone abfotografieren würden, um die Flaschen dann vergeblich im Supermarkt zu suchen.

Der Verkäufer ist sehr aufmerksam und scheint zu merken, dass wir uns bei dem Verkaufsgespräch insgeheim über das Paar amüsieren. Er fragt zwischendurch sehr höflich, ob die beiden kurz warten könnten und benötigt keine fünf Sekunden einen Kollegen für unsere Beratung zu rufen, bevor er sich mit einer Engelsgeduld wieder seinen Kunden zuwendet.

Meine Frau Geraldine weiß, was sie will. In Wirklichkeit ist sie eine hervorragende Weinkennerin und besitzt im Gegensatz zu meiner Wenigkeit ein fast fotografisches Gedächtnis für Reben, Winzer, Jahrgänge und Sorten. Ich hatte also entschieden, sie auswählen zu lassen, konnte mir aber zu Beginn der Begegnung mit dem Verkäufer eine kleine Einleitung nicht verkneifen, damit sie auch ernst genommen wurde: „Meine Frau ist der Somm in unserer Wohngemeinschaft. Bitte sprechen Sie mit ihr über die Weine.“.

Von dieser Sekunde an, konnte ich merken, wie der Verkäufer hoch alert war und große, leuchtende Augen bekam. Meine Frau: „Mich interessiert der Schreckbichl Formigar.“ Der Verkäufer bewundernd: „Ein hervorragender Wein. Er führt in diesem Jahrgang (2013 steht auf dem Etikett) noch ein bisschen weniger Säure als letztes Jahr, nein als vor zwei Jahren. Die sind zurück zum Ursprung. Die haben jetzt mehr Barique und wieder angebaut wie vor 15 Jahren.“. Es folgen viele weitere Details zu der Flasche. Mir schwirren Begriffe wie „Moränenboden“, „Ganztraubenpressung“, „Säureabbau“ um die Ohren.

Mir fällt auf, dass der fachkundige Herr gar nicht mehr richtig über den Geschmack des Weines spricht, den er selbstverständlich bei meiner Frau als Kenntnis voraussetzt, sondern nur über die Nuancen der vergangenen Jahre. Die leuchtenden Augen werden noch etwas größer vor Begeisterung, als er von der Geschichte des Weines erzählt. Ich halte die Luft an, um nicht plötzlich das Gespräch der beiden Weinkenner durch irgendeine dumme Bemerkung auf eine lächerliche Ebene herunter zu ziehen, die mich sofort disqualifizieren könnte.

Meine Frau (der Somm) kauft die Flasche lächelnd, denn sie weiß jetzt, dass dies ein Hammerwein ist. Sie hat natürlich in ihrem Repertoire ein paar weitere Weine, die sie gerne mitnehmen möchte und es scheint fast so, als ob der Verkäufer zu strahlen anfängt bei ihrer Auswahl. Zu jedem Wein kann er eine Geschichte erzählen und weiß die Nuancen der letzten Jahrgänge. Meine Frau macht einige Bemerkungen und jedes Mal glitzern seine Augen ein wenig mehr. Vermutlich schätzt er die Fachkenntnisse von Geraldine, die sie in langen und promillereichen Sitzungen mit mir erworben hat. Ich kann ganz gut nachvollziehen, wie der Verkäufer denkt und sich wohl fühlt. Endlich wird er richtig gefordert. Ich bin ganz stolz auf meine Frau.

Endlich kommen wir zur letzten Flasche von Lagrein. Ein Kastlett. Und auch das ist eine Granate, das wissen wir. Meine Frau weiß noch mehr darüber, aber in diesem Moment kommt die Überraschung für den Verkäufer des Meraner Weinhauses, denn Geraldine redet über die Traube Lagrein. Dabei verpeilt mein Somm, dass es sich um einen Cuvee handelt, sprich eine Mischung aus drei Trauben. Jetzt fällt unserem Meraner Weinhaus Verkäufer auf, dass meine Frau Wissenslücken hat, korrigiert höflich und berät mit dem gleichen Respekt und Engagement weiter. Wir kaufen außerdem zwei Flaschen Prosecco für EUR 18,- das Stück. Schließlich wollen wir keine Plörre zum Geburtstag trinken und richtig einen Löten.

Bei Prosecco und Champagner enden unsere Kenntnisse jäh und wir sind völlig willenlos der Beratung des Herrn unterworfen. Am Ende des Gespräches steht eines fest: der Mann hat richtig Ahnung und berät hervorragend. Außerdem ist er charmant, angenehm distanziert und macht einen hervorragenden Eindruck auf uns. Nicht mal eine rote Nase hat er, also wird er wohl vieles wieder ausgespuckt haben. Kommt für mich persönlich nicht in Frage. Das wird wohl auch der Grund für meine Gedächtnislücken sein.

Wir zahlen nicht zum ersten Mal über hundert Euro für sechs Flaschen Lötstoff und fragen geschickter Weise noch nach dem Kärtchen des Verkäufers, damit wir am Ende des Urlaubes genauso gut bedient werden, wie am Anfang.

Wir lesen auf der Karte: „Norbert S…“. Darunter seine Berufsbezeichnung „Dipl. Sommelier“. Himmel ist das peinlich.

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