Aikido, Budo, Etikette, Leben & Tod, Philosophie
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Aufmerksamkeit im Leben – Masayuki Shimabukuro

Es ist erstaunlich was Budo so alles bewirkt, wenn es tiefgreifend gelehrt und ausgeübt wird. Meine Frau Geraldine und ich haben Aikido bei Esther-Sensei und Bruno-Sensei aus dem Kempener Tenshin Ryu gerlernt. Wie die beiden zu unserer Zeit in diesem Ryu so schön sagten (freies Zitat): „Am Anfang fängt man runterfallende Tassen auf.“. Im Laufe der Zeit steigert sich diese Art Aufmerksamkeit mehr und mehr. Man nimmt Probleme wahr, kann in einem Gesicht mehr lesen als die Fassade erkennen läßt und lernt auch noch viele andere Dinge, die sich aber jedem anders erschließen und die jeder selbst herausfinden muß. Eine Empfehlung ist Aikido in jedem Falle. Voraussetzung ist aber wie immer im Leben, daß man die richtigen Menschen/Lehrer trifft.

Masayuki Shimabukuro ist einer der wirklich wichtigen Menschen im Budo und er beschreibt das Prinzip der Aufmerksamkeit in vier Schritten: „Nikugen -> Tengen -> Egen -> Shingen“. Wenn man die Erläuterungen zu den vier Begriffen liest, dann stellt man fest wie philosophisch Budo ist. Die erste Stufe – Nikugen (was der Autor als „Naktes Auge“ bezeichnet – ist ein zweidimensionales „Sehen“, welches vielleicht besser mit „Erkennen“ zu übersetzen sein mag. Bei dieser Stufe erkennt man etwas, weiß aber nicht wirklich Form und Hintergrund zu erkennen. Vielleicht ist das im übertragenen Sinne am besten mit dem Stadium des Kleinkindes zu vergleichen. Die zweite Stufe – Tengen – ist das was der Autor als „Neutrale Perspektive“ bezeichnet. Er meint vereinfacht gesagt, daß man jetzt schon bei vielen Bäumen automatisch den Wald erkennt. Die dritte Stufe „Egen“ ist eine „Interpretative Sicht“, die man bei vielen erwachsenen Menschen feststellen kann. Auf dieser Stufe wird es möglich einen Unfall zu erkennen, weil man merkt, daß sich zwei Autos an einer Kreuzung nicht sehen können und es so zu einem Crash kommen muß. Allerdings, so schränkt Masayuki Shimabukuro ein, ist Egen bei vielen Menschen auf physikalische Vorgänge beschränkt, während man doch mit dieser wahren Egen-Stufe im Grunde wesentlich mehr erkennen könnte. Zum Beispiel wenn zwei gegensätzliche Charaktere aufeinander stoßen. Interessant ist die vierte Stufe Shingen, übersetzt ins Englische: „Compassionate Eye“. Compassion wird ins Deutsche oft sehr falsch mit Mitleid übersetzt. In Wirklichkeit ist Mitgefühl gemeint. Dabei ist das wirklich ein riesiger Unterschied – vielleicht im übertragenen Sinne zu beschreiben mit der Tochter – Mutter Beziehung der beiden Worte zueinander.
Auf dieser vierten Stufe – die vermutlich nicht viele Menschen erreichen – geht es um die Objektivität. Der wahre Samurai versteht die Dinge objektiv zu sehen und vorherzusehen, welche Ereignisse sich aus dem Handeln bilden werden. Er bewertet die Dinge und Meinungen nicht, sondern erkennt, welche für die Gesellschaft die Wichtigen sind. Es ist interessant zu lesen, was sich noch hinter dieser vierten Stufe verbirgt. Fakt ist, daß es enorm lange dauern dürfte, bis man in die Nähe von Objektivität kommt, denn dagegen spielt natürlich immer das Ego und die eigenen Erfahrungen/Voreingenommenheiten. Auch die Lebensumstände, welche man aber auf der Stufe Vier sicherlich beeinflußt, um weiter zu kommen auf dem Weg. Um es kurz zu sagen, wird man auf dieser Stufe die Fähigkeiten eines Menschen nicht mehr vom Aussehen und anderen Äußerlichkeiten abhänigig erkennen. Man blickt hinter die Fassade ins Herzen und erkennt die wahre Persönlichkeit.

Die Ansichten von Masayuki Shimabukuro sind höchst interessant und beschäftigen sich zu einem sehr großen Teil mit Etikette und Philosophie. Er ist in meinen Augen ein ganz großer und wichiger Vertreter des Budo und der Menschheit.

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