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Freundschaft

Über unsere Freundschaft – Artur und Peter

Peter:

Lieber Artur, wir (Du und ich) möchten bei ueberkritisch schreiben, um uns über das Leben auszutauschen, wie wir es vor viele Jahren bereits intensiv taten. Wir gingen im zarten Alter von etwa 14 / 16 Jahren zur gleichen Schule, dem Werner-Jaeger-Gymnasium in Nettetal-Lobberich.

Ich bin irgendwann einmal in den Bus gestiegen und wir haben uns erkannt, da wir in die gleiche Klasse gingen. Du kamst aus Krefeld, ich aus Grefrath, fuhren gemeinsam nach Lobberich und trafen uns im Bus, um dort vor der Schule bereits über Gott und die Welt zu reden. Habe ich das richtig in Erinnerung?

Dann teilten wir in der Schule sehr ähnliche Fächer und genossen ein paar wenige gute und viele schlechte Lehrer. Reden wir lieber über die Guten. Wir hatten viele Diskussionen, auch viele mit gegensätzlichen Meinungen, sind uns aber trotzdem nie in die Haare geraten, sondern fanden unsere Dialoge im Gegenteil sogar Klasse (nettes Wortspiel).

Später haben wir uns aus den Augen verloren und erst im November 2019, nach 20 Jahren ohne Dialoge, wieder gefunden. Darüber war ich sehr glücklich. Jetzt schreiben wir in diesem Blog hin und her, um über Themen zu reden, die uns bewegen.

  • Was ist aus der damaligen Zeit geworden?
  • Was haben wir aus unseren vielen Vorsätzen gemacht?
  • Was ist aus der Demokratie geworden, auf die wir damals geschworen hätten?
  • Wie ist das mit der Religion? Glauben wir beide an etwas Spirituelles?

Solche Themen glaube ich, haben wir im Sinn? Das erste Thema steht unter dem Motto Freundschaft, ein für mich sehr wichtiges Thema, denn ohne Freunde müssen wir beide nicht auf dieser Welt fristen, oder?

Artur:

Mein lieber Freund Peter, wenn auch nur schemenhaft ist meine Erinnerung an unsere ersten bewussten Begegnungen ähnlich Deiner. Unsere Treffen im Bus und der damit verbundene Gedankenaustausch waren für mich das erste positive Highlight des Tages, denn zunächst durfte ich von Krefeld bis Kempen mit einem kleinen Schienengefährt, in dem es damals noch, selbst für mich als Raucher, so herrlich nach kaltem Aschenbecher roch, mitfahren und dann in den Bus umsteigen. Ich bilde mir ein, noch jetzt die Hoffnung zu spüren, dass auch Du ab Grefrath den Weg in unseren gemeinsamen Bildungstempel antreten würdest.

Auch für mich ist Freundschaft immer wichtig gewesen und mit nunmehr 58 Jahren auf dieser so schön grausamen Welt bin ich diesbezüglich oft und teils tief enttäuscht worden. Und ich weiß, dass auch ich einige Menschen sehr, sehr enttäuscht habe. Um so mehr freue ich mich heute, dass unsere Freundschaft so lange hält, was vielleicht auch daran liegt, dass wir uns immer wieder lange aus den Augen und Ohren verloren haben.

Peter:

Na mein Lieber, ich glaube nicht, dass es an den Pausen liegt. Manchmal stimmt einfach die Chemie und die Pflege. Und dann bist Du sicher diplomatischer als ich und kannst sehr gut mit Menschen umgehen. Das zeichnet Dich unter anderen Qualitäten aus.

Ich habe im Bus bereits mehr vor Dir gelernt als in der Schule. Vor allem lernte ich etwas für das Leben, was die Schule so nicht vermittelt, nicht vermitteln kann, und noch schlimmer nicht möchte. Freundschaft ist ein sehr wertvolles Gut, was in den meisten Fällen nur 5 oder 7 Jahre hält, also mehr einem guten Lebensabschnitt gleicht. In manchen Fällen funktioniert das auch so lange wie bei uns (jetzt etwa 42+ Jahre?).

Eine lange Freundschaft hängt neben der Liebe zueinander auch viel von den Themen ab, über die Freunde sich austauschen. Bei uns war das nie oberflächlich, sondern drehte sich um Menschen, Politik, Religion, Freundschaft, Liedertexte, Kunst, Fotografie und vieles Lebens-Wichtiges mehr.

Neulich saß ich in einem Restaurant, da trafen sich zwei befreundete Herren und erzählten über Fußball, die Stars und dass der eine Fußballer der sechstschnellste Springer in der Bundesliga sei. Dann ging es darüber, wo der eine und andere den Urlaub in diesem Jahr verbringt. Und beide redeten schön aneinander vorbei. Es interessierte sie nur ihr eigener Urlaub, ihr eigenes Dasein, nicht das des Gegenüber. Dieses Gespräch dauerte etwa 60 Minuten.

Solche Themen haben wir als Zeitverschwendung gewertet und gar nicht erst ausgetauscht. Wir haben einander zugehört und ich darf sagen, dass ich viel von Dir gelernt habe. Zum Beispiel Dein Querdenken. Das Denken aus der Box heraus.

Es begann mit Deinem Vornamen, der in der Schule immer anders im Klassenbuch lautete als „Artur“ (ich verrate es mal nicht, ältere Mitschüler werden sich erinnern). Ich habe mich gewundert und Du erklärtest mir, dass man sich jeden Vornamen der Welt geben kann. Das ist aber nur ein Synonym für Dein Aus-der-Box-Denken.

Ich erinnere mich an neue Lehrer, denen Du Deinen Nachnamen mit Hilfe der Buchstabiertafel (DIN 5009, die damals noch in keinem Internet zu finden war) diktiertest und den Lehrern in einem Affenzahn Deinen Namen um die Ohren schlugst. Da wussten diese Lehrer sofort wo sie mit dir dran waren :-). Ich weiß noch, wie ich anfing meinen Nachnamen in der gleichen Weise einzustudieren: „Richard, Otto, Siegfried, Kaufmann, Otto, Theodor, Heinrich, Emil, Nordpol“.  Ich konnte das aber nie so schnell wie Du.

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Das erste Mal, als ich bei Euch zu Hause war spieltest Du mir das Lied von Barclay James Harvest vor. Das Lied spielte auf einem Schallplattenspieler? „Suicide“ heißt das Lied. Es ist anders als andere Lieder. Zunächst das Lied mit Gesang zum Thema, dann die Vertonung der Selbsttötung, die wir damals noch als „Selbstmord“ bezeichneten. Wir beide haben das Lied gedeutet und interpretiert. Der letzte Satz war immer eine Herausforderung „fell in line“. Wir wollten nie mainstream sein. Sind wir es heute? Was meinst Du?

Artur:

Ja mein Lieber, mainstream wollten wir wirklich nicht sein, eher rebellisch und aufmüpfig. Und auch heute noch möchte ich mehr gegen, als mit dem Strom schwimmen und ein kleiner Rebell tobt oft lauter in mir, als es mir, zumindest manchmal, lieb ist. Wobei es vielleicht auch so ist, dass ich mit zunehmenden Alter und damit verbundener Gelassenheit öfter mal gar nicht mehr gegen den Strom schwimme, sondern gemütlich in meinem selbstgebauten Kanal plätschere. Grundsätzlich ist es aber so, dass mir die Gegendenstromschwimmer schon immer sehr viel sympathischer waren, schon allein deshalb, weil ich keine Menschenmassen mag.

Zum Thema Freundschaft ist mir vorhin ein schönes Zitat von einem sicher nicht nur von mir Vergessenem eingefallen: „Freundschaft ist wie Liebe ohne Sex“. Die (Über)kritischen mögen jetzt sagen „da muss man erst mal das Wort Liebe definieren“ – das ist aber in diesem Falle, so finde ich, ganz einfach: „Liebe ist wie Freundschaft mit Sex“

Was sagste nu???

Peter:

Die Definition in Deinem letzten Absatz passt nicht zu der Mutterliebe oder Vaterliebe, zu der Liebe von Kind zu Eltern. Auch nicht zu der Liebe, die wir mit Tieren verbinden. Vielleicht müssen wir es nicht auf einen Satz herunterbrechen, sondern können es mit unseren Erlebnissen besser beschreiben. Den Begriff des „Gegendenstromschwimmers“ finde ich klasse. Das gefällt mir. Wäre in Japan ganz schön schwierig, ist es aber auch hier in Deutschland. Viele Menschen verstehen das nicht und mögen das schon gar nicht. Alles was anders ist ist eklig…, war das schon zu unserer Schulzeit so? Na klar, auch damals hatten wir damit Menschen verärgert, was gar nicht in unserer Absicht lag?! Doch, das lag in unserer Absicht. Wir haben unheimlich gerne provoziert. Das hat uns Spaß gemacht, war das Gegenteil von langweilig.

Jedenfalls haben wir im Leben nicht viele Freunde. Ich finde es merkwürdig, wenn Menschen denken, sie hätten mehr als eine Hand voll Freunde. Ich persönlich definiere Freundschaft sehr viel enger, grenze sie mit dem Begriff „Bekannte“ sauber ab. Entsprechend können wir in unserem Alter die Freunde an einer Hand abzählen. Würdest Du mir zustimmen?

Es ist auch längst nicht mehr so einfach Freunde zu finden in unserem Alter. Vielleicht liegt es an unserer Messlatte oder daran, dass wir wählerischer sind? Als Kind war das einfacher, oder verkläre ich das? Das verkläre ich. Das war auch damals nicht einfach und ein seltenes Glück, wenn ich recht darüber nachdenke. Das waren doch schon auf der Schule nur zwei, höchstens drei Personen, mit den wir befreundet waren.

Oft wurde ich im Leben hängen gelassen, von einzelnen Menschen, die ich als Freunde annahm. Dann wiederum stellte ich fest, dass ein ganz anderer Mensch mein Freund war. Jemand, von dem ich es nicht annahm, der mich aber im richtigen Moment unterstützte. Ich verbinde eine sehr gute Freundschaft mit einem Rechtsanwalt, den ich sehr schätze – menschlich wie fachlich. Einen guten Freund habe ich fast ein Jahrzehnt mit „Sie“ angeredet. Das funktionierte auch prima, war aber irgendwann auch komisch. Wir sind jetzt per „Du“.

Enge Verwandte sind nicht zwangsläufig Freunde, so finde ich. Ich sage manchmal aus Scherz: Im besten Falle sind Verwandte auch Freunde.

Immer wieder stelle ich jedenfalls fest, dass ich mich mit meinen Freunden nicht über Fußball unterhalte. Das steht als Synonym, Du weißt schon. Fußball könnte auch Wetter heißen. In unserem Falle lebt die Freundschaft neben den Gemeinsamkeiten, den ähnlichen Werten auch von völlig verschiedenen Ansichten und der Tatsache, dass wir damit prima leben können und uns trotzdem mögen, schätzen, eng miteinander verbunden sind. Das ist sehr selten, so finde ich. Die meisten Menschen lehnen andere Meinungen als die eigene ab. In den meisten Fällen sind Menschen nicht befreundet, die unterschiedliche Meinungen haben. Dabei haben wir beide die Fähigkeit – das ist jetzt kein Eigenlob, sondern eine Bemerkung – die Argumente des anderen zu verstehen, sie sogar oft zu akzeptieren, immer jedoch zu respektieren. Meistens liegen wir aber mit unseren Meinungen sehr eng aneinander, das stelle ich jetzt auch nach den 20 Jahren Pause fest. Wie oft denke ich: Typisch, das war mir klar, dass Du das auch so siehst. Mir war klar, dass Deine Frau und die meine viel gemeinsam haben, das liegt an unseren sehr ähnlichen Ansichten. Hoffentlich habe ich das verständlich beschrieben.

Ich finde Menschen immer dann schwierig, wenn sie wie viele unserer schlechteren Lehrer, nur ihre eigene Meinung zulassen, anstatt eine gute Argumentation zu erkennen und zu schätzen. Erinnerst Du Dich an unser zweites Kunst-Projekt bei Herrn Zedelius? Wir hatten die Aufgabe PopArt zu erstellen. Weil wir notorisch faul waren – ich würde sagen Du hast mich angesteckt, lach – haben wir an einem Abend einen Stuhl zerlegt, mit Dübeln versehen, angemalt und zerlegt in einen Karton als Bastelei gelegt. Unser Kunstlehrer war nicht amüsiert. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir dafür keine gute Note bekamen. Irgendwie war das nicht sein Ding. Aber wir hatten das absolut richtig hergeleitet. In meinen Augen hätte das ein „Sehr gut“ sein müssen. Trotzdem bin ich mit ihm befreundet, auch heute noch. Ich schätze Herrn Zedelius sehr. Toller Mann. Herr Zedelius hat mich zur Fotografie gebracht. Ich liebe die Fotografie, also auch seine Unterstützung. So wichtig sind Freunde, die man erst gar nicht als Freunde wahrnimmt. Und so können auch Lehrer Freunde sein. Ich glaube ich hatte zwei oder drei Lehrer, die anonyme Freunde waren. Kaplan Engel war einer davon. Toller Mensch!

Die Religion würde jetzt von uns fordern: Auch Deine Feinde müssen Deine Freunde sein. Was die Moralisten meinen ist, dass man jedes Lebewesen lieben soll. Das finde ich schwierig, denn ich möchte meine wertvolle Zeit nur mit Menschen verbringen, die keine schwarzen Löcher sind. Nicht mit Menschen, die mir Zeit und Energie rauben und bei denen die Mühe ins schwarze Loch fällt. Da bin ich aber schon wieder bei meinem Ego-ismus, oder?

Es gibt so Energieräuber, die erkennen wir in unserem Alter sehr schnell. Ich breche das prompt ab und meine Frau ist oft überrascht, wenn ich mich von einer Sekunde auf die andere umdrehe. Ich finde menschliche schwarze Löcher sind Zeitverschwendung. Mein Zeitmanagement ist für Freunde da, für die habe ich alle Zeit der Welt, auch wenn ich sie manchmal 20 Jahre nicht sehen darf :-).

Was ist denn mit heterosexuellen Freundschaften? Es gibt Menschen, die behaupten das funktioniere nicht, nah meiner Erfahrung aber doch. Was denkst Du?

Artur:

Hinweis an die Leser:
Dieser Beitrag ist noch nicht abgeschlossen. Artur und Peter antworten in unregelmäßigen Abständen weiter. Daher lohnt es sich, diesen Beitrag noch regelmäßig anzuschauen.

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